25 August 2005

Stolz auf Politiker


Ich halte dagegen: Sperre mich gegen die Politikerschelte.

Armer Franz Müntefering (Foto: www.spiegel.de). Ohnehin asketisch, reibt ihn die Legitiamations-Tour auf. Zusammenbruch.

Für einen klitzekleinen Moment erntet er als Politiker mehr als Häme, Hass und oftmals viel schlimmer: Desinteresse. Er muss als Mensch erst einknicken, um die physische Belastung sichtbar zu machen, unter der fast alle Berufspolitiker stehen.

Die Moderne fördert die Individualität und erhöht den Stress. Jede Entscheidung muss der Einzelne selbst treffen, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechtern, verschmelzen innerer und äußerer Druck. Und der kumuliert in Politikern. Weil die in Deutschland eben sehr nah am Volk sind.

Ich weiß, dass ich damit gegen den Trend argumentiere. Doch gerade, wie die Deutschen ihre politischen Eliten herausbilden, finde ich vorbildlich. Kein Kastensystem wie es die Grandes Ecoles in Frankreich gebären, keine geschlossene Gesellschaft wie in England. Sondern die Ochsentour von der Nominierung im Ortsverband über die Listenaufstellung in den Landesverbänden bis zur Wahl selbst.

Diese Art der Legitimation der Personen selbst mag dazu führen, dass sich nurmehr bestimmte Charaktere für diesen Wahnsinn zur Verfügung stellen. Doch diejenigen, die dafür auf ein besseres Gehalt in der Wirtschaft verzichten, auf kürzere Arbeitszeiten, die sie als Beamte gehabt hätten, können nichts für den Mechanismus.

Ihnen gebührt unser Respekt, wie jetzt Franz Müntefering unser Mitgefühl gilt.

22 August 2005

Alles nur ein Quickie?


Games Convention 2005 in Leipzig. Journalisten, die noch nicht einmal den Mofa-Führerschein besitzen, drängeln sich im Presse-Zentrum. Souverän nutzen sie Notebook, WLAN und die Vorzüge der Presse-Lounge.

PSP, Xbox 360, Gameload. Neben den drei Mega-Trends und den vielen Messebabes (Foto: Thomas H. Kaspar) schleicht sich eine Entwicklung in meinen Kopf: Der Verlust der narrativen Strukturen.

Das Privatfernsehen hat uns gelehrt, dass jede noch so spannende Handlung durch Werbung zerstückelt werden kann. Zappen während Nutella, Damenbinden & Co. Neuer Information-Layer, rückzappen, neuer Layer, zurückzappen, Vorschau auf den nächsten Film, zurück zum Hauptfilm. Neue Zuschautechnik.

Kritiker der Spielewelt an PC und Konsolen vergaßen, dass etwa große Rollenspiele auch große Erzählstrukturen schufen, in die der Spieler abtauchte wie in einen Fantasy-Roman. Die große Erzählung lebte in seinem Kopf wie eine Fortsetzungsgeschichte. Kulturpuristen zum Trotz: auch das sind große zusammenhängende Geschichten.

Interview mit Jörg Trouvain, Deutschland-Chef des weltgrößten Spiele-Herstellers Electronic Arts. Okay, Computerspiele haben kein schlechtes Image mehr, wie ihre Studie belegt. Viel spannender: Um neue Zielgruppen zu erreichen, müssen sich die Spiele wandeln. Viele Frauen und Gelegenheitsspieler sind nicht bereit, sich in rundenbasierte Schlachten zu werfen. Kürze, Mobilität sind gefragt.

Da wird sich wieder etwas ändern.
Games Convention = Präsente abgreifen zwischen Messe-Chicks.
Privatfernsehen = Filme zwischen Werbe-Gigs.
Internet = Content Chunks zwischen Maus-Klicks.
Neue Spiele = ?

Willkommen in der Kurzatmigkeit.

18 August 2005

Interesse - vom "Dazwischensein" zur Vernetzung

Wahrscheinlich macht sich niemand mehr Gedanken darüber, wie man die richtigen Menschen zusammen bringen kann, als ein Online-Shop.

Prof. Andreas Weigend hat als Chief Sciententist für den Onine-Shop Amazon grundlegende Algorhythmen entwickelt, um Menschen mit gleichen Interessen zu vernetzen. Die Idee: Sehen Käufer, was andere Käufer gekauft haben, was zum Themengebiet passt, was andere empfehlen, dann steigt der Verkaufserlös.

Erstaunlich: Der Computer schlägt oftmals bessere Produkte vor, als die eigene Schwiegermutter. Blankes Rechnen aufgrund von Logfiles offenbart nämlich, was wir wirklich tun, und nicht, was wir uns darstellen.

So mancher redet von Brecht & Mann und kauft nur Brown & Mankell (Nebenbei: Das Interview mit dem bekennenden Mankell-Hasser Hen Hermanns ist wunderbar).

Nachteil: Die Zuspitzung auf unsere Interessen, verengt den Blick auf die Welt. Der eingeblendete Cluster wird immer kleiner.

Anders, wohltuend ist da der Ansatz von Musicplasma (Photo: www.musicplasma.com). Wer nach einem Künstler sucht, dem eröffnet sich ein Netzwerk an Assotiationen. Wowwwww!

Das ist Interesse im Wortsinn. Dazwischen sein, noch keine vorgefertigte Meinung haben. Sich einlassen auf einen der beiden Pole. Auch das führt zu Verkaufserfolgen.

Aber es ist ein offenes System. Und die sind nach Sir Carl R. Popper langfristig eben menschlicher und damit erfolgreicher.

16 August 2005

Punktsieg für Bagatellen

"Prozentpunkt" wird wohl das Wort des Wahljahres werden.

Es ist ein Symbol für die Verlagerung von Inhalten hin zu persönlichen Angriffen, also zu Bagatellen.

Wir erleben derzeit die Entpolitisierung von Politik. Ohne Partei zu ergreifen: Die Kampa ist eine schnelle Wahlkampftruppe der SPD. Mit frechen Slogans verstehen es die Spin Doctors der Sozis, von inhaltlichen Themen abzulenken und auf kleien Fehler der Herausforderer zu reagieren. Das ist intellektuell hübsch gemacht. Gesamtpolitisch ist es verheerend, wenn Weblogs Polemik transformieren und transportieren.

Durch das Tempo des Internets, die schnelle Weiterleitung des einen guten Gags verliert der Inhalt noch mehr an Bedeutung, weil der Pointe viel Raum eingeräumt wird.

Da geht der rote Faden schnell verloren, ohne damit die Gesamtkampagne zu meinen, die der "Projektbereichsleiter Online Wahlkampf" der SPD, Sebastian Reichel, angestoßen hat. Es ist eher der rote Faden zwischen Politik und Gesellschaft. Die prinzipielle Akzeptanz von Grundwerten. Dieser Faden ist wohl zerschnitten. Das ist nicht lustig.

14 August 2005

Licht, Finsternis, Fackel, Schwert


Sie schreiben weitgehend unbeobachtet von Feuilleton und sonstiger Öffentlichkeit. Und erreichen doch riesige Auflagen. Christliche Autoren, wie Rick Joyner oder Frank E. Peretti.

Allen Büchern gemeinsam: Der Kampf der Christenheit gegen die Dämonen. Und: Die letzte Wahrheit ist vogegeben durch Gott, der seinen Sohn zur Erlösung geschickt hat. Alles andere ist falsch.

Es ist eine Lese-Subkultur entstanden. Die Autoren versorgen die Leser mit Rüstzeug für den letzten Kampf gegen das Böse in der Welt. Typisch: Metaphern wie Schwert und Fackel ziehen sich durch viele Bücher, die den Weg des "Lichts in der Finsternis" (so ein Erfolgsroman von Frank E. Paeretti) zeigen. Verlage wie "Gerth Medien" bieten das komplette Leserepertore für einen Bücherschrank von "Andacht" über "Erweckung" und "Promiseland" bis "Willow Creek".

Klappentexte lesen sich nicht selten so wie der zu Joyners Buch "Die Fackel und das Schwert" (Foto: www.gerth.de):

"Dieses Buch ist die Fortsetzung der prophetischen Botschaft, die in dem Bestseller "Der letzte Aufbruch" begann und mit dem Folgeband "Der Ruf" weiter geführt wurde. Mit neuer Dringlichkeit gibt uns Rick Joyner Anteil an himmlischen Visionen und Begegnungen, die Gott ihm für die ganze Gemeinde Christi gegeben hat.

Dieses Buch ist ein brennender Aufruf an alle Christen, das größte Abenteuer aller Zeiten einzugehen und sich dem höchsten Ziel zu verschreiben, das es je gegeben hat. Es ist für diejenigen, die sich wünschen, als echte Kämpfer des Kreuzes auszuharren und ihre Stellung gegen die Macht der Dunkelheit in unseren Tagen zu behaupten.

Die Botschaft richtet sich an Menschen, die bereit sind, die Fackel und das Schwert in die Hand zu nehmen, mit Mut und Ausdauer für die Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes einzutreten und auf diese Weise zu Botschaftern der künftigen Welt zu werden."

Ich bin selbst Christ. Ich habe meinen Weg durch die Bibel gefunden. Sogar meine Söhne haben bewusst biblische Namen. Doch diesen Weg kann und will ich nicht mitgehen.

Aufklärung bedeutet, Dogmen aufzubrechen. Sie bedeutet deswegen nicht Relativismus. Aber in der Nachfolge Kant haben wir auch erkannt, was Mystiker seit jeher wissen. Hat man die Wolkendecke zur Sonne durchstoßen, sieht man, dass es viele Wege zur Sonne gibt. Aus echter "All-Einheit" entsteht Toleranz.

Wer noch in den Wolken steckt, ist womöglich noch Intoleranter, obwohl er Liebe und Glaube predigt.

11 August 2005

Vorbildliche Gleichheit


Peers entscheiden. Nicht die Eltern. Was wir denken, wie wir reden, was wir wichtig finden.
Das zeigt die Zwillingsforschung. Glänzend erzählt, brillant zusammengefasst hat es Malcom Gladwell in seinem Bestseller "Tipping Point". Nacherzählt wird es in der aktuellen Compact-Ausgabe von Psychologie heute (Nr. 12: "Familienleben).

Am spannendsten liest es sich von der Autorin selbst. Die Psychologin Judith Rich Harris (Foto: www.edge.org) spitzt ihre Gedanken zu und versieht sie mit Widerborsten.

In meinem Kopf steckt ihre "Null hypotesis of zero parental influence". Elterliche Erziehung hat keinen Einfluss auf die kindliche Intelligenz oder Persönlichkeit. Wusch.

Wie sie ihre Logik in allzu offensichtliche Zusammenhänge schneidet. Beispiel: Eltern, die ihren Kindern früh vorlesen, erhalten Kinder mit großem Wortschatz. Daraus würden viele eine moralische These ableiten. Verkürzt: Lies deinen Kindern vor, dann gehen sie nach Harvard. Aber: Vergleicht man Geschwister, von denen eines adoptiert wurde, verschwindet die scheinbare Korrelation.

Harris: "It doesn't make a dime's worth of difference whether the kid grew up listening to Mozart or Muzak".

Wesentlich wichtiger: Die Peers. Gleichaltrige. Deswegen sprechen Einwandererkinder ohne Akzent. Weil sie von Peers lernen.

Und nun? Schweigen bei Harris. Sie forscht nur, gibt keine Handlungsanweisungen. Das ist wenig.

Den Weg will ich nicht mitgehen. Wenn Erziehung nicht fruchtet, wie soll sich dann die Welt verändern? Und wer beeinflusst die Peers, die andere Peers beeinflussen?

Am Ende ist es ganz einfach: Jugendliche suchen sich Vorbilder, um die eigene Persönlichkeit auszubilden. Wenn sich jeder bewusst ist, dass er als Vorbild handelt, verändert er die Welt. Wenn auch vielleicht nicht die eigenen Kinder in dem Maße, wie er in seinem Wahn glaubte.

10 August 2005

Sehnsucht nach Molwanien


Molwanien, meine Liebe! Ach, könnte ich doch immer über Deine Straßen wandern, die sich wie Lochstreifen durch die Altstadt von Lutenblag winden. Nur hier finde ich noch die abgeschlosse Einheit der Welt.

Defoe schickte Robinson auf die Insel, Goethe Iphigenie auf Tauris, Novalis Heinrich zur blauen Blume in den Zauberwald. Realitätsfluchten waren das! Sensible schrieben das, die der Zerrüttung der Welt nur mehr die Flucht in romantische Waldnischen entgegen stellen konnten.

Dabei gibt es einen Reiseführer zurück zur Ganzheit! Molwanien ist rund. Keine Ecken mit Mauern dazwischen, in die man Fenster der Realität einpassen könnte.

Deswegen finden auch nur so wenige in das Land des schadhaften Lächelns. Weil sie auf romantische Dichter hören und diesen gleich Guru-Adepten folgen, statt sich selbst auf die Suche zu machen. Molwanien liegt gleich um die Ecke.

Du musst es nur suchen.

"Hier will ich tot
über´m Zaun hängen"
(Molwanisches Lebensmotto)

08 August 2005

Leben andern!

Oh wie sehr berührt mich diese kleine E-Mail, die als Spam getarnt in meinem Fach wartet:

Eine schone Moglichkeit die Mehreinnahme bekommen!
Die internationale touristische Gesellschaft ladt zur Zusammenarbeit der
energischen Leute ein.
Wollen Sie tausend Euro in die Woche verdienen?
Mit uns ist es moglich! transient
Es gibt keine Notwendigkeit, die Kaufe zu machen oder fur die Teilnahme zu
zahlen.
Das ist reale Vakanz.
Verbinden Sie sich mit uns und wir werden Ihnen helfen, ihren Leben zu andern.

Mit freundlichen Grusen, Private Travels Inc.

Die Welt ist gar nicht so kompliziert! Alles ist gerichtet! Alles ist klar!
Es gibt nur diese eine Mehreinnahme, auf die wir unser Sein richten sollten. Leider steht sie nur dem kleinen auserwählten Kreis "der energischen Leute" offen. Und nur dem.

Toll: Der Geheimorden versteckt einen Hinweis - "transient". Viele mögen das Zauberwort übersehen, das dort schläft und nun das Lied in uns singen lässt: Sind wir nicht alle Durchreisende, gar flüchtige Erscheinungen? Man muss die Worte nur übersetzen, um zum Sinn zu dringen.

Härter, mitten in die Sinnsuche des Lebens stößt aber dann: "Das ist reale Vakanz". Ja, da taucht sie auf, die Leerstelle, die wir Leben nennen. Gaukelbild der Wirklichkeit.

Das Ziel ist klar: "Verbinden Sie sich mit uns und wir werden Ihnen helfen, ihren Leben zu andern." Die wahre Epiphanie! Ich verbinden alle unsere Reinkarnatiuonsstufen mit allen Reinkarnationsstufen der andern Dus. Wow, so einfach kann das sein. Wortschwall der Ekstase. Einfach so.

Danke Private Travels.

Was bleibt nach dem Tod?

Ist Gott tot? Wenn Nietzsche die Moderne eingeleitet hat, dann prägt Werbung das Lebensgefühl der "Erlebnisgesellschaft" (Gerhard Schulze, 2000): Wir wollen, dass die Werbeversprechen real sind. Wir suchen nach dem schönen Erlebnis, um in unserer Wirklichkeit etwas spürbar einzukratzen. Das ist das einzige kleine Ziel.

Dumm: Wenn wir die Meta-Ebene reflektieren, machen wir uns das Erlebnis kaputt. Also denken wir am besten nicht so viel über die Trennung von Wahrheit und Versprechen, zwischen Indikativ und Konjunktiv nach.


In diesem Sinne ist der 24-jährige Tommy nur konsequent: Er bietet via Ebay seine Leiche als Werbeträger für Fotos bei der Beerdigung an. "Ich wollte so gerne einzigartig sein", meint er. Da schmilzt viel zusammen: Tod ohne Gott, aber mit Werbung. Bis jetzt hat noch keiner geboten...

04 August 2005

"Volks"-Gutachten

Wem soll man beim Thema Product Placement noch vertrauen? Dass sich Schimmi in seinen Anti-Tatorten mit Red Bull wach hält, gehört schon seit Jahren zum Unterrichtsmaterial für Schleichwerbung.

Es gibt ja noch Insititutionen, die sich dafür bezahlen lassen, dass sie unabhänige Einschätzungen liefern. McKinsey & Company etwa. Just die haben für die Interessensgemeinschaft Filmproduktion ein Gutachten erstellt, wie sich mehr Geld aus Fernsehproduktionen herausholen lässt. Das Pinkante: Die Studie wurde am 14. Oktober 2004 veröffentlicht, also lange bevor der heutige Streit hochkochte.

McKinsey sieht ein großes Potential:

"Im klassischen Fernsehbereich bestehen Möglichkeiten zur Intensivierung der Zusammenarbeit mit Werbetreibenden – von der Entwicklung von Programmen für Werbetreibende selbst bis hin zu Marketingkooperationen von (mehreren) Werbetreibenden, ihren Agenturen, den Sendern und den Produzenten."

Doof. In Deutschland steht da ja ein Gesetz dagegen. Aber das kann doch wohl die Wirtschaft nicht aufhalten, oder? Sie müssen den Satz nicht gleich verstehen, er wird in abewandelter Form in der Studie immer wieder heruntergebetet.

"Erstens sollten die im Rundfunkgesetz verankerten Einschränkungen für Produktwerbung in Fernsehproduktionen weitgehend beseitigt werden, denn sie verhindern oft kreative Konzepte, die notwendig sind, um Fernsehwerbung im weitesten Sinne attraktiv zu machen, und zwar für Zuschauer wie für Werbetreibende."

Und weil das so schwierig ist, schlägt McKinsey ein Mischmodell der "kreativen Möglichkeiten" vor, dass schon früh die Werbewirtschaft einbindet:

"Gemeinsame Entwicklung von Content für/mit Werbetreibenden: Dieses Modell eignet sich für Produzenten, weil die Einbindung von vornherein planbar ist und das Wertversprechen des Produzenten für den Werbepartner klar vereinbart werden kann. Zwar ist in Deutschland der Handlungsspielraum durch das Verbot von Schleichwerbung rechtlich eingeschränkt; Veränderungen wären hier wünschenswert. Dennoch gibt es kreative Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zu intensivieren. Zum Beispiel könnte man prominente, an die eigene Produktionsfirma gebundene Gesichter umfassender vermarkten, indem etwa ein Schauspieler einer populären Produktion in einer gleichzeitig geschalteten Testimonial-Werbung für einen Partner auftaucht. Zusätzlich kann der Industriepartner die Produktion ausstatten und für eigene Event-Werbung, Mailings, etc. nutzen."

Ach ja, und noch etwas ist ärgerlich: Die Deutschen machen ja immer so blödes Unterschichtenfernsehen. Und das geht ja total an der Zielgruppe (der Werbenden) vorbei:

"Heute neigen eher Luxusmarkenals Massenhersteller zu Product Placement – ein Segment, das vielleicht gerade für deutsche Filme schwieriger zu bedienen ist. Ein Produzent beschreibt diesen Umstand passend an einem Beispiel: "Daniel Brühl hätte in 'Goodbye Lenin' eben keinen 7er-BMW fahren können."

Fazit: Da hat Film 20 so eine schöne Studie in Auftrag gegeben, und statt dass alle zusammenhelfen, um diese ärgerliche Rechtssituation zu ändern, rollen doch glatt die Verbaucherschützer Fall um Fall auf.

Eigentlich ungeschickt: McKinsey hätte die Ergebnisse als "Volks-Gutachten" in der Bild platzieren sollen. Dann würde jetzt eine riesige Mehrheit dafür sorgen, dass das kreative Potential ausgeshöpft wird.


03 August 2005

Politik mit Behindertenbonus

Forschung und Ihre Transformation. Auch der extrem schlaue Prof. Wolfgang Donsbach von der TU Dresden hatte das Fernsehduell von 2002 untersucht und trefflich termingenau jetzt die Ergebnisse vorgestellt.
Einige Zitate:

* "Ein eindeutiger Sieger des ersten Fernseh-Duells war nicht feststellbar.
* Gut jeder dritte Befragte (35 Prozent) änderte einige Tage nach dem Duell seine Meinung zum Duellsieger. Von diesen Veränderungen profitierte Kanzler Schröder stärker als sein Herausforderer.
* Als Einflussfaktoren auf die Veränderung des wahrgenommenen Siegers kristallisierten sich die wahrgenommene Medienberichterstattung zum Fernsehduell und die Nutzungshäufigkeit der Fernsehnachrichten heraus.


Anders gesagt. Die Medien machen sich Ihre Meinung selbst. Zum Glück gibt es kluge Begleiter unter den Journalisten, wie die FTD heute in einer treffenden Zusammenfassung der Ergebnisse beweist:

"Medienberichte wichtiger als TV-Duell
Bei TV-Duellen von Spitzenkandidaten hat die anschließende Berichterstattung laut einer Studie einen weit größeren Einfluss auf den Ausgang von Wahlen als das Rededuell selber. Zu diesem Ergebnis kommt ein gemeinsames Forschungsprojekt des Allensbach-Instituts und der Universitäten Dresden und Mainz, das in Berlin vorgestellt wurde."

Das alles wäre so langweilig, wenn es nicht wiederum die Metaebene der Metaebene gäbe, in diesem Fall aus der Feder von Ludwig Greven, der sich gegen die These stemmt, dass Schwitzfleck-Angie Fehler machen würde. Besonders lobt er ihren Entschluss, sich nur in einem TV-Duell zu stellen.

Meine Lieblingsgemeinheit (es ist die vierte von fünf) ist diese:

"Als Frau und Ossi genießt Merkel doppelten Behindertenbonus, der sie quasi unbezwingbar macht. Anders als den Gegner Edi „Äh" Stoiber kann „Acker" Schröder sie nicht beinhart attackieren oder mit versteckten Fouls aufs Kreuz legen, wie er es seit seiner Jugend geübt hat. Die Mehrheit der weiblichen Wähler und die Gerechtigkeitsfanatiker in der Ex-DDR würden das wahlweise mit der schwarz-gelben oder dunkelroten Karte ahnden. Schröder bleibt deshalb nur die zweischneidige Waffe der Arroganz („Ach, verehrte Frau Merkel, ich muss Ihnen das mal erklären …"), die sich aber leicht gegen ihn selber richten kann."

Bleibt die Aufgabe, dass sich die Journalisten im postmodernen Spiel nicht mit sich selbst verheddern und so zu wenig Orientierung für jene bieten, denen das Spiel geldernst ist - den Lesern und Zusehern.

Wenn wir die großen Erzählungen schon verloren haben, sollten die Kleinstgeschichten-ERzähler nicht mit den realen Menschen spielen als seien sie nur Figuren.

Duell für resignierte Wähler

Es gibt viele Thesen, wie apolitisch die Deutschen geworden seien. Pradoxes Phänomen sind die Fernesehduelle. Immerhin haben im Jahr 2002 15 Millionen Deutsche, also ein Viertel der Wähler, zweimal mit angesehen, wie und was sich Schröder und Stoiber sagten.
Kein Interesse sieht anders aus.

Markus Klein weist in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift für Soziologie nach, dass das Fernsehduell zwei Dinge beeinflusst hat: Es hat mobilisiert überhaupt zur Wahl zu gehen und hat die Sympathien für Schröder kippen lassen.

Inhaltlich differenzierter zeigen Oskar W. Gabriel und Kerstin Völkl in Ihrer Studie, an welch kleinem Punkt das Fernsehduell Auswirkungen hatte:

"Während die Wirtschaftslage schon seit dem Herbst 2001 auf der politischen Agenda stand, erlangte die Außenpolitik erst im Wahlmonat eine prominente Position in der Einschätzung der Wähler. Ursächlich für diese ungewöhnlich große Bedeutsamkeit eines außenpolitischen Themas war die Debatte über die drohende Militärintervention der USA im Irak, die Bundeskanzler Schröder im zweiten Fernsehduell mit seinem Herausforderer Stoiber stark in den Vordergrund spielte."


Genau das ist der Punkt. Schröder hat instinktsicher ein unerwartetes kleines Thema groß wachsen lassen. Und: Es ist ein Thema, das die Menschen überhaupt noch durchschauen. Denn in Wirklichkeit haben sich die meisten von der Politik abgewandt, weil sie von keiner der Parteien mehr eine Alternative erwarten.

Positiv gesagt: Die Wähler sehen die Politik als das, was sie ist. Komplex und mit vielen äußeren Zwängen. Negativ gesagt: Kein Politiker schafft es mehr die große Linie hinter den kleinen Zahlen herauszuarbeiten.

Also erfüllt die Zuspitzung der Wahlentscheidung auf das Fernsehduell alle meine Befürchtungen. Hier wird eine Pseudo-Profilierung geleistet, die nur durch zwei Faktoren entschieden wird. Erstens durch Äußerlichkeiten wie Aussehen und Rhetorik. Und zweitens durch geschickte Campa-Arbeit an emotionalisierenden großen Themen.

Zurück zum Alichimistischen Management. Warum entwickeln eigentlich Manager die Menschenbilder, die wir zur Krisenbewältigung benötigen und nicht die Politikwissenschaft? Manchmal wirkt es, als würden sich Unternehmen mehr Gedanken zur Krisenbewältigung machen als die Politik. Denn: Management beginnt immer bei den Human Ressources, also beim richtigen Personal für die Aufgabe.

02 August 2005

Kritik der unreinen Werbung

Wir sind ja so kritikfähig. Auch gegen Medien. Sozialkundelehrer, die Medienpädagogik-Seminare besuchten, versuchten sich an uns.

Alte Vorbilder. Heribert Riehl-Heyses Bestseller über
Bestellte Wahrheiten. Vergriffen. Richtete Streiflichter auf die dunkle Bedrohung der Ethik im Journalismus, als sie eigentlich noch nicht in Gefahr war. Barschels Badewannenfotos. Landräte, die dezent undezente Goldmünzen in Journalisten-Taschen gleiten ließen. Die Medienwelt ist hier noch in Ordnung, Entartungen leicht zu brandmarken. Ausnahmen sind Ausnahmen.

Heute. Paradigmenwechsel. Mit Riehl-Heyses Suchmaschine wird keine relevanten Ergebnisse für die Suchanfragen "Ethik" +"Verstöße" + "Medien" finden. Medien sind vom
Artikel 5 des GG zum Handelsrecht gewandert. Journalismus als Kostenfaktor.

Erwartbare Beurteilung. Das Landgericht Berlin hat auf die Klage des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen hin die Online-Darstellungen der "Volks"-kampagnen von
www.bild.de untersucht. Und verboten. Das Urteil ist nicht sonderlich erhellend. Ach, das gilt als Schleichwerbung, nur weil ein Produkt mit dem kompletten Boulevard-Instrumentarium schmackhaft gemacht wird. Na klar.

Unerwartete Verteidigung. Die Bild-Anwälte behaupten einfach nur die Realität:
"Das Unternehmen hatte in dem Verfahren argumentiert, gerade jüngere Internetnutzer gingen von einem generellen Werbecharakter des Internet aus. Eine klare Abgrenzung zwischen Werbung und redaktionellen Beiträgen sei deshalb nicht erforderlich."
Wahrscheinlich ist das längst in den Köpfen passiert. Das sind die neuen "bestellten Wahrheiten". Zum Glück ist Recht langsamer als Wirtschaft.

Kant fortschreiben. Vernunft einsetzen. Lichtstrahl in der Richtung ändern.

Sozialkundeleher! Ändert Eure Lehrpläne!